Die Struktur des Internet ist von enormem, eminent künstlerischen Reiz. Sie "arbeitet" wie eine Komposition, verknüpft alles mit allem, lässt direkte, indirekte, Um- und Abwege zu und bindet durch das "Surfen" das zufällige Entdecken, das Aufhorchen bei etwas, was man bisher noch nicht wahrnahm, das genauere Hinsehen bei bisher Unbekanntem, kurz: die Welt des Zufalls (im Sinne von Chance) mit ein. Natürlich ist das Vorgaukeln der allumfassenden Präsenz Trug, wesentlich ist (und bleibt) das Fragmentarische, über das auch das Internet nicht hinauszureichen vermag, aber durch seine Buntheit, seine Vielfalt Prozesse vielgestaltiger verfolgen lässt. Umgekehrt ebenso: Das, was einmal gedacht, erforscht, gestaltet war, ist auch in Ansätzen, Andeutungen, bei Fragmentierung präsent. Implizit entsteht aus der Internet-Idee – fast automatisch – die Anlage unzähliger Stücke. Das INTERNET-Projekt, das Ende November 1995 auf einer Reise nach Barcelona konzipiert und mit INTERNET 3.2 für Mezzosopran, Klavier und Schlagzeug in den Monaten danach erste Gestalt annahm, geht von diesen Überlegungen aus und nimmt Internet-Strukturen als Prinzipien der Komposition. Vier Stücke, strike the ear (1987/88), Nachbeben und davor: (1988/89), Den Müllfahrern von San Francisco (1989/90) und Zeitsprünge (1990) geben das Fundament, das Material, durch das "gesurft" wird. Die Zahlenreihe BAB(ylon), im Frühjahr 1994 in Japan notiert, triggert die Auswahl von bestimmten Akkorden aus diesen Stücken und lässt Schichten entstehen, die trotz zerstückelten Zitierens innere Verbindungen aufweisen, weil die Kompositionen, die zugrunde gelegt sind, jeweils eine eigene Entstehungsgeschichte, einen unverwechselbaren Inhalt und damit eine prägnante Struktur aufweisen.

Gerhard Stäbler, aus: Gefahr und Chancen (1997)

 

INTERNET 4 (New York/Francesco Clemente) für 4 Klaviere (1997) ist inspiriert von Bildern und Gedanken des Malers Francesco Clemente, komprimiert in der Ausstellung "Three Worlds", die 1990/91 in verschiedenen amerikanischen Städten gezeigt wurde. Das Werk bezieht sich auf den Teil New York mit Gemälden aus den Jahren 1981 - 1990. Gerhard Stäbler wendet – wie in den anderen Werken des INTERNET-Zyklus’ – auch in INTERNET 4 (New York/Francesco Clemente) ein kompositorisches Verfahren an, das sich definiert durch das, was uns umgibt und das, was uns – bewusst oder unbewusst – beschäftigt. Klänge des Alltags, der Umwelt, Musik der Vergangenheit und Gegenwart gehören ebenso dazu wie Zahlen: Telefonnummern, Haus- und Autonummern, Geburtstagsdaten, Zahlen in Zeitungen und Zeitschriften. Sie alle ergeben ein Raster, das unser Leben, uns "markiert", insbesondere in den elektronischen Medien, die mittlerweile weltumspannend sind. INTERNET 4 (New York/Francesco Clemente) surft durch "pre-existing material", durch verschiedene Werke Stäblers und formuliert auf der Basis der Francesco-Clemente-Reihe Zahlen, die aus dem Katalog zur Ausstellung "Three Worlds" entnommen sind. Sämtliche Aspekte dieser Komposition, die Dauern, Frequenzfelder, Rhythmen, Klangkonstellationen, Farben, Dichte und Dynamik ebenso wie die Form selbst.
INTERNET 4 (New York/Francesco Clemente) knüpft nicht nur an an ...strike the ear… für Streichquartett, Den Müllfahrern von San Francisco für Ensemble, Zeitsprünge für Akkordeon und Schlagwerk und Nachbeben und davor: für Violoncello und Akkordeon, die ausnahmslos in der Zeit entstanden sind, aus der auch Clementes Bilder stammen, sondern streift gleichfalls durch die Komposition INTERNET 4 (Adriatico) für zwei Klaviere und Schlagzeug, die unmittelbar vor INTERNET 4 (New York/Francesco Clemente) abgeschlossen wurde.

Gerhard Stäbler